Tägliches Multivitamin verlangsamt epigenetische Alterungsuhren in der COSMOS-Studie
Ein günstiges, leicht erhältliches Multivitamin kann die biologischen Alterungsuhren des Körpers ein Stück weit in die richtige Richtung schieben. In einer vordefinierten Nebenanalyse der randomisierten COSMOS‑Studie, veröffentlicht 2026 in Nature Medicine, fand man, dass ein täglich eingenommenes Multivitamin‑Multimineral (MVM) das Fortschreiten von zwei zweiten‑Generation‑epigenetischen Uhren bei älteren Menschen modest verlangsamte. Ein Kakao‑Extrakt hingegen zeigte keinerlei messbare Wirkung. Die Effekte sind klein und es ist bislang unklar, ob sie sich in einer gesünderen oder längeren Lebensdauer niederschlagen.
Was die Forschenden testeten
COSMOS (COcoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study) ist ein groß angelegter, randomisierter Versuch, der zwei Interventionen bei älteren Erwachsenen untersuchte: ein tägliches Multivitamin und ein tägliches Kakao‑Extrakt. Frühere Analysen des Programms hatten Hinweise darauf geliefert, dass diese Präparate verschiedene altersbedingte chronische Erkrankungen positiv beeinflussen könnten. Was bislang fehlte, war die Frage, ob sie direkt auf die Biologie des Alterns einwirken.
Die Begleitstudie nahm 958 Teilnehmende (482 Frauen, 476 Männer) auf und maß über zwei Jahre hinweg die DNA‑Methylierungsmuster. Die Interventionen waren:
- Multivitamin‑Multimineral: Centrum Silver, ein handelsübliches Präparat für Menschen ab 50 Jahren, täglich eingenommen.
- Kakao‑Extrakt: 500 mg Kakao‑Flavanole pro Tag, davon 80 mg (-)-Epicatechin.
- Placebo‑Arm als Vergleich.
Das biologische Altern wurde mit fünf DNA‑Methylierungs‑Maßnahmen beurteilt: PCHannum, PCHorvath, PCPhenoAge, PCGrimAge und DunedinPACE. Die „PC‑Versionen“ basieren auf Hauptkomponenten und sollen zuverlässiger sowie weniger rauschanfällig sein als die Vorgängermodelle.
Die wichtigsten Ergebnisse
Im Vergleich zum Placebo verringerte das Multivitamin modest die Zunahme‑Rate von zwei zweiten‑Generation‑Uhren, die auf Gesundheits‑ und Mortalitäts‑Outcome‑Daten trainiert wurden, nicht nur auf das chronologische Alter:
- PCGrimAge: Unterschied zwischen den Gruppen von ‑0,113 Jahren pro Jahr (95 % KI ‑0,205 bis ‑0,020; p = 0,017).
- PCPhenoAge: Unterschied von ‑0,214 Jahren pro Jahr (95 % KI ‑0,410 bis ‑0,019; p = 0,032).
Anschaulich bedeutet das, dass die Teilnehmenden, die das Multivitamin nahmen, innerhalb eines Jahres etwa 0,11 Jahre weniger im PCGrimAge‑Score und 0,21 Jahre weniger im PCPhenoAge‑Score vorankamen als die Placebo‑Gruppe. Hochgerechnet auf die zweijährige Studiendauer entspricht das einem Unterschied von einigen Monaten auf den Uhren. Diese Interpretation muss jedoch mit Vorsicht genossen werden: Die Konfidenzintervalle sind breit und liegen nahe bei null, und ein Unterschied in einer epigenetischen Uhr ist nicht dasselbe wie ein tatsächlicher Altersunterschied von Monaten.
Die anderen drei Uhren – PCHannum, PCHorvath und DunedinPACE – zeigten im Abstract keinen signifikanten Multivitamin‑Effekt.
Größerer Effekt bei schnell alternden Personen
Vielleicht das spannendste Ergebnis: Wer profitierte am meisten? Die Forschenden teilten die Teilnehmenden nach ihrem Ausgangsniveau der biologischen Alterung ein. Bei Personen mit bereits beschleunigtem Altern war der Effekt auf PCGrimAge stärker (‑0,236 Jahre pro Jahr; 95 % KI ‑0,380 bis ‑0,091). Bei Personen mit normaler oder verzögerter Alterung war der Effekt praktisch nicht vorhanden (‑0,013; 95 % KI ‑0,130 bis 0,104). Diese Interaktion war statistisch signifikant (p = 0,018).
Dieses Muster passt zu einer plausiblen biologischen Erklärung: Menschen, deren Körper bereits Anzeichen von schnellerem Altern zeigt, haben vermutlich mehr „Luft zum Atmen“ – etwa weil sie leichte Nährstoffdefizite haben. Es spiegelt ein immer wiederkehrendes Thema in der Ernährungsforschung wider, dass Nahrungsergänzungen am meisten bei Personen wirken, die nicht optimal versorgt sind. Allerdings handelt es sich hierbei um ein Subgruppen‑Finding, und Subgruppenanalysen gelten erst einmal als hypothesesgenerierend, bis sie repliziert wurden.
Kakao‑Flavanole: Enttäuschung
Kakao‑Extrakt steht häufig im Fokus wegen möglicher kardiovaskulärer und kognitiver Vorteile, und Flavanole werden häufig als Anti‑Aging‑Substanzen vermarktet. In dieser Studie hatten 500 mg tägliche Kakao‑Flavanole jedoch keinerlei Einfluss auf irgendeine der fünf epigenetischen Uhren. Das schließt nicht aus, dass Kakao über andere Mechanismen – etwa die Gefäßfunktion – Nutzen bringen kann, aber zumindest in Bezug auf die Methylierungs‑Uhren zeigte die Dosis über zwei Jahre keine Verlangsamung des Alterns.
Wie viel sollte man daraus lesen?
Die Autoren selbst bezeichnen die Effekte als „statistisch signifikant, aber klein“ und als „ermutigend“, und betonen, dass weitere Studien nötig sind, um die klinische Relevanz zu klären. Wichtige Einschränkungen sind:
- Epigenetische Uhren sind Surrogat‑Marker. Sie korrelieren mit Erkrankungs‑ und Mortalitätsrisiko in Populationen, aber es ist unbewiesen, dass eine Veränderung einer Uhr durch eine Intervention die individuellen Gesundheits‑ oder Lebenszeit‑Ergebnisse verbessert.
- Effektgrößen sind bescheiden und die Konfidenzintervalle breit. Zwei von fünf Uhren zeigten eine Veränderung, die p‑Werte (0,017 und 0,032) sind nicht überwältigend, besonders wenn man die Multiplikation der Tests berücksichtigt.
- Zwei Jahre sind kurz. Ob der Unterschied mit längerer Beobachtungszeit größer, gleichbleibend oder wieder verschwunden ist, bleibt offen.
- Der Wirkmechanismus ist unklar. Die Studie kann nicht sagen, welche der Vitamine oder Mineralien im Präparat die Wirkung entfalten.
Die Ergebnisse lassen jedoch eine mögliche Verbindung zu früheren COSMOS‑Ergebnissen vermuten, dass Multivitamine bei bestimmten altersbedingten Erkrankungen Vorteile bringen könnten. Sollte der Uhr‑Effekt tatsächlich ein echtes Verlangsamen des biologischen Alterns widerspiegeln, könnte das ein Erklärungsansatz sein – das bleibt jedoch spekulativ.
Praktische Konsequenzen
- Was wurde genommen: Einmal täglich ein Centrum Silver, also ein preiswertes, breit verfübares Multivitamin – kein teures „Longevity‑Stack“.
- Wer könnte am meisten profitieren: Ältere Erwachsene, die bereits biologisch schneller altern. In der Praxis lässt sich das biologische Alter jedoch selten exakt bestimmen, und kommerzielle Uhr‑Tests variieren stark in Qualität.
- Kakao‑Flavanole: Erwarten Sie keinen Nutzen für die epigenetischen Uhren. Genießen Sie Kakao aus anderen Gründen, aber die Studie liefert keinen Hinweis darauf, dass er als Anti‑Aging‑Werkzeug wirkt.
- Realistische Erwartungen: Ein Multivitamin ersetzt weder eine ausgewogene Ernährung, körperliche Bewegung, ausreichenden Schlaf noch medizinische Versorgung. Der Nachweis eines harten klinischen Nutzens aus diesem spezifischen Effekt steht noch aus.
Fazit
Die COSMOS‑Studie zu epigenetischen Uhren ist eine der größten randomisierten Untersuchungen, ob ein gängiges Nahrungsergänzungsmittel die Biologie des Alterns berührt. Sie liefert ein kleines, aber messbares Signal für das Multivitamin. Es ist ein vielversprechendes Puzzleteil, jedoch kein endgültiges Urteil. Solange längere Studien nicht zeigen, dass langsamere Uhren tatsächlich zu besserer Gesundheit führen, sollte das Ergebnis als interessant, kostengünstig und klinisch noch nicht gesichert betrachtet werden.