Was, wenn ein täglicher Löffel mit 12 g fisch‑abgeleiteten Peptiden Ferritin, die Erythrozytenzahl und Entzündungsmarker in einer Weise beeinflusst, wie es Molkenprotein nicht tut? Das ist die provokante Behauptung einer neuen Pilotstudie zu einem Lachs‑Protein‑Hydrolysat namens ProGo®.
Bevor Sie jedoch zum Supplements‑Regal eilen, ein wichtiger Hinweis: Die Studie umfasste nur 14 Personen und wurde industriegesponsert. Die Resultate sind spannend, sollten aber eher als Signal verstanden werden, dem weiter nachgegangen werden muss, anstatt als abschließendes Urteil.
Was sind Lachs‑Peptide (Lachs‑Protein‑Hydrolysat)?
Ein Fisch‑Protein‑Hydrolysat entsteht, indem Fischprotein – in diesem Fall aus Atlantischem Lachs – mit Enzymen in kleinere Fragmente gespalten wird. Dieser Vorgang, die enzymatische Hydrolyse, liefert ein Gemisch aus freien Aminosäuren, kurzen Peptiden (typischerweise 2‑20 Aminosäuren lang) und einigen größeren Fragmenten.
Der Gedanke hinter bioaktiven Peptiden ist, dass bestimmte Fragmente mehr tun, als nur Aminosäuren zu liefern. Sobald sie freigesetzt werden, können sie mit Rezeptoren, Enzymen oder Gen‑Expressions‑Wege interagieren. Lebensmittel‑Peptide wurden bereits auf Blutdruck, glykämische Kontrolle, antioxidative Wirkung und Immun‑Signalgebung hin untersucht. Welche Fragmente was bewirken, hängt stark von der Ausgangs‑Proteinquelle und den eingesetzten Enzymen ab – ein Hydrolysat lässt sich daher nicht pauschal verhalten wie ein anderes.
ProGo® ist ein proprietäres Lachs‑Hydrolysat von Hofseth BioCare aus Norwegen. Frühere Arbeiten zu diesem Wirkstoff deuten auf Effekte im Eisenstoffwechsel, bei Entzündungen und der metabolischen Gesundheit hin; der Ferritin‑Effekt wurde mit einer Hochregulation des FTH1‑Gens in Verbindung gebracht, das für eine Ferritin‑Untereinheit kodiert. Das Produkt trägt zudem einen Health‑Canada‑Claim für Ferritin und Hämoglobin.
Die Studie: 12 g/Tag vs. Molke für 56 Tage
Veröffentlicht in Biomedicines (2026) von Currie, Myklebust, Bjerknes und Framroze, handelte es sich um eine randomisierte, doppelblinde, aktivergesteuerte Pilotstudie an übergewichtigen Erwachsenen im Alter von 25‑65 Jahren. Sie wurde in Norwegen in Zusammenarbeit mit Hofseth BioCare und dem Møre og Romsdal Hospital Trust durchgeführt.
- Teilnehmende: 14 übergewichtige Erwachsene
- Intervention: 12 g/Tag ProGo® Lachs‑Protein‑Hydrolysat
- Kontrolle: 12 g/Tag Molken‑Protein‑Isolat, iso‑stickstoffhaltig (gleiche Stickstoffmenge)
- Dauer: 56 Tage (8 Wochen)
- Primäre Endpunkte: hämatologische Parameter und ein zusammengesetzter Haar‑, Nagel‑ und Haut‑Score, mit Holm‑Bonferroni‑Korrektur für Mehrfachvergleiche
- Sekundäre Endpunkte: Körperzusammensetzung, entzündliche Zytokine und Glukosestoffwechsel
Die aktive Kontrolle ist wichtig: Da Molke denselben Stickstoffgehalt liefert, lässt sich ein Unterschied nicht einfach mit „mehr Protein“ erklären.
Die Ergebnisse: Was hat sich verändert?
Blutparameter
Im Vergleich zur Molke zeigte die Lachs‑Gruppe signifikante Verbesserungen bei Hämoglobin (ca. +4 %), bei der Erythrozytenzahl (ca. +7 %) und bei Ferritin (ca. +13 %). Ferritin spiegelt den gespeicherten Eisengehalt wider, während Hämoglobin und die Erythrozytenzahl die Sauerstoff‑Transport‑Kapazität angeben. Da diese Parameter primäre Endpunkte mit Multiplikativ‑Adjustment waren, gelten sie als die glaubwürdigsten Befunde der Studie.
Haar, Haut und Nägel
Der zusammengesetzte integumentäre Score verbesserte sich in der Lachs‑Gruppe. Da es sich um einen eher subjektiven Endpunkt handelt, sollte man ihn mit besonderer Vorsicht interpretieren, obwohl er vorab als primärer Endpunkt definiert war.
Körperzusammensetzung
Sekundäre Analysen zeigten Reduktionen des Körperfettanteils und des BMI, während die fettfreie (lean) Körpermasse erhalten blieb. Der Erhalt von Lean‑Mass beim Fettverlust ist besonders im Alterungsprozess relevant, weil Muskelverlust ein Haupttreiber von Gebrechlichkeit ist.
Entzündung und Glukose
Pro‑entzündliche Zytokine sanken ebenso wie HbA1c und nüchterner Blutzucker. Molke hatte kaum Einfluss auf diese Messwerte.
Wichtig: Blut‑ und Haut‑Ergebnisse waren primäre Endpunkte; Körperzusammensetzung, Entzündungen und Glukose waren sekundär und sollten eher als explorativ betrachtet werden.
Warum könnten Peptide über die reine Ernährung hinaus wirken?
Die Autoren argumentieren, dass die Resultate "mit einem bioaktiven statt einem rein ernährungsbedingten Effekt vereinbar" seien. Die Logik ist simpel: Beide Gruppen erhielten die gleiche Stickstoffmenge, aber nur bei einer Gruppe bewegten sich die Marker.
Mögliche, teils noch spekulative Mechanismen umfassen:
- Eisen‑Handling: Gen‑Expressions‑Effekte auf Ferritin (FTH1) könnten die Speicherung oder Mobilisierung von Eisen verändern.
- Entzündungs‑Signalgebung: Entzündungen erhöhen Hepcidin, das die Eisenaufnahme und -freisetzung blockiert. Niedrigere Zytokine könnten theoretisch die Eisenverfügbarkeit und die Erythrozytenproduktion verbessern.
- Metabolische Signalgebung: Kleine Peptide können hormonelle Wege im Darm und die Insulinsensitivität beeinflussen.
Die Studie hat diese Mechanismen nicht abschließend geprüft. Zudem könnte das Lachs‑Hydrolysat Spurenelemente oder andere Bestandteile enthalten, und es konnte nicht isoliert werden, welches Fragment (falls überhaupt) die Effekte verursacht.
Praktische Erkenntnisse
Verwendete Dosis: 12 g/Tag für 56 Tage. Das ist das einzige Regime mit Daten; mehr ist nicht als besser belegt.
Wer könnte interessiert sein:
- Menschen mit niedrigem oder grenzwertigem Ferritin – obwohl die Teilnehmenden nicht wegen Eisenmangel ausgewählt wurden, ist unklar, ob die Wirkung bei Eisen‑defizitären Personen hält. Niedriges Ferritin erfordert stets eine medizinische Abklärung.
- Ältere Erwachsene, die sich wegen Anämierisiko, Entzündungen und Muskelerhalt Sorgen machen (die in dieser Studie nicht speziell untersucht wurden, Alter 25‑65 Jahre).
- Pescetarier oder Personen, die eine marine‑hergeleitete Proteinoption suchen.
Unterschied zu Kollagen‑Peptiden: Kollagen‑Peptide werden aus kollagenreichen Geweben (Rinderhäuten, Fischhaut und Schuppen) hydrolysiert und meist für Hautelastizität, Gelenke und Knochen untersucht. Das hier vorgestellte Lachs‑Produkt ist ein Protein‑Hydrolysat mit anderer Zusammensetzung und einer Evidenzbasis, die sich auf Eisen‑Marker, Entzündungen und Stoffwechsel konzentriert. Sie sind nicht austauschbar.
Vorsicht: Personen mit Fisch‑ oder Schalentierallergie sollten es meiden. Menschen mit Eisen‑Überladungs‑Erkrankungen (z. B. Hämochromatose), die blutbezogene Medikamente einnehmen, oder Diabetiker sollten vor der Einnahme einen Arzt konsultieren, da sich Glukose‑ und Eisen‑Marker verändern können.
Die Haken: Was Sie vor dem Kauf wissen sollten
- Winziger Stichprobenumfang. Vierzehn Teilnehmende, auf zwei Gruppen verteilt, können echte Effekte kaum zuverlässig erkennen oder zufällige Befunde ausschließen – besonders bei sekundären Messungen.
- Industrie‑Beteiligung. Die Studie wurde vom Hersteller des Wirkstoffs gesponsert. Das entwertet die Daten nicht, aber unabhängige Replikationen sind unabdingbar.
- Kurze Laufzeit. Acht Wochen sagen nichts über Langzeitsicherheit, Dauerhaftigkeit oder klinische Endpunkte wie Anämie, Frakturen oder Krankheitsrisiken.
- Surrogat‑Marker. Veränderungen von Ferritin, Zytokinen und HbA1c garantieren keine bessere Gesundheit.
- Übergewichtige Population. Die Ergebnisse lassen sich nicht automatisch auf schlanke, ältere oder Eisen‑defizitäre Personen übertragen.
- Subjektiver Endpunkt. Der Haar‑/Haut‑/Nagel‑Score ist anfällig für Bias, selbst bei Verblindung.
- Unbewiesener Mechanismus. "Bioaktiv" ist hier eine Annahme, kein nachgewiesener Wirkungsweg.
Die Autoren selbst bezeichnen die Befunde als "hypothesenbildend" und fordern Bestätigung in größeren Studien.
Fazit
Lachs‑Protein‑Hydrolysat ist ein interessanter Kandidat im Feld der bioaktiven Peptide, und das Design mit Molke‑Kontrolle macht das Signal bemerkenswerter als einen simplen Protein‑vs‑Placebo‑Vergleich. Doch mit nur 14 Teilnehmenden und Sponsor‑Beteiligung ist dies eher der Startschuss für umfangreichere Untersuchungen, nicht ein Grund, Lachs‑Peptide als bewiesene Methode zur Erhöhung von Ferritin oder zur Verlangsamung des Alterungsprozesses zu betrachten. Wenn Sie sich Sorgen um Eisen‑ oder Blut‑Gesundheit machen, holen Sie zuerst eine ärztliche Laboruntersuchung ein und warten Sie auf größere, unabhängige Studien, um die offenen Fragen zu klären.