Ashwagandha senkt Cortisol um 29 % bei gestressten Menschen mit hohem Blutdruck
Kurzfassung: Eine aktuelle Studie berichtet von einem durchschnittlichen Abfall des Serum‑Cortisol um etwa 29 % bei gestressten, ängstlichen Erwachsenen mit Bluthochdruck. In einer 60‑tägigen, doppelblinden, placebokontrollierten Phase‑III‑Studie mit 60 Teilnehmenden wurden zudem deutliche Rückgänge der Angst‑ und Stress‑Scores festgestellt. Die Prozentangaben beziehen sich jedoch ausschließlich auf die Änderungen innerhalb der jeweiligen Gruppe; beim Blutdruck zeigten sich nur günstige Tendenzen und die Studienautor*innen stehen in Verbindung zum Hersteller des untersuchten Extrakts. Im Folgenden erfahren Sie, was die Studie beweist, was sie nicht beweisen kann und für wen Vorsicht geboten ist.
Was die Forschenden untersucht haben
Die im Fachjournal Stress (Jahr 2026) veröffentlichte Arbeit von Pattojoshi et al. untersuchte Ashwagen, ein standardisiertes Extrakt aus Withania somnifera (Ashwagandha). Es handelte sich um eine randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Phase‑III‑Studie mit 60 Patient*innen, bei denen Stress, Angst und bereits diagnostizierte Hypertonie vorlagen – häufig in Kombination mit weiteren kardiometabolischen Risikofaktoren.
Die Proband*innen nahmen zweimal täglich je eine 300‑mg‑Kapsel (insgesamt 600 mg/Tag) für 60 Tage – entweder Ashwagen oder ein Placebo. Erfasst wurden:
- Angst‑ und Stressskalen: HAM‑A, GAD‑7 und Perceived Stress Scale (PSS)
- Globale Bewertung, Schläfrigkeit und Müdigkeit: CGI‑I, Epworth Sleepiness Scale und Fatigue Severity Scale
- Biomarker: Serum‑Cortisol, Triglyceride, LDL‑Cholesterin und Blutdruck
Die Studie richtete sich speziell an Menschen, die neben Hypertonie zusätzlich unter Stress und Angst leiden – eine Patientengruppe, die in vielen Ergänzungs‑Studien häufig übersehen wird.
Die Zahlen, die Aufmerksamkeit erregten
In der Ashwagandha‑Gruppe wurden folgende Reduktionen gemeldet:
- GAD‑7 (Angst): etwa 51 % niedriger
- PSS (wahrgenommener Stress): etwa 30 % niedriger
- HAM‑A (klinisch bewertete Angst): etwa 27 % niedriger
- Serum‑Cortisol: etwa 29 % niedriger
- Triglyceride: etwa 13 % niedriger
Die Autor*innen geben an, dass die Angst‑ und Stressmessungen im Vergleich zum Placebo signifikant verbessert wurden. Wichtig ist, dass die genannten Prozentsätze innerhalb der Ashwagandha‑Gruppe gelten. Das Abstract liefert keine konkreten Werte zur Placebo‑Gruppe, sodass das Ausmaß des tatsächlichen Präparateffekts nicht abschätzbar ist. In Angst‑Studien ist die Placebo‑Antwort zudem häufig hoch.
Cortisol – die neugierige Kennzahl
Cortisol ist das Endprodukt der hypothalamisch‑pituitär‑nebennieren‑ (HPA‑)Achse und damit ein zentraler Marker des körpereigenen Stress‑Response‑Systems. Ein Rückgang um rund 29 % zusammen mit niedrigeren Angst‑ und Stresswerten passt zu einem Adaptogen, das diese Achse beruhigt.
Dennoch gilt es, vorsichtig zu interpretieren: Cortisol schwankt im Tagesverlauf, nach dem Schlaf und kann bereits durch die Stresssituation bei der Blutentnahme beeinflusst werden. Ein einzelner niedriger Wert beweist nicht, dass die Gesundheit langfristig verbessert ist. Die Studie kann zudem nicht klären, ob die Cortisol‑Reduktion die Symptom‑Verbesserungen verursacht hat oder lediglich parallel dazu auftrat.
Was ist mit Blutdruck und Cholesterin?
Hier muss die Überschrift etwas zurückhaltender formuliert werden. Das Abstract beschreibt lediglich „positive Tendenzen“ bei LDL‑Cholesterin und Blutdruck – kein statistisch signifikanter Effekt. Wer hofft, dass Ashwagandha seine blutdrucksenkende Medikation ersetzen könnte, sollte das als klares „Nein“ verstehen. Die Studien‑Schlussfolgerung bezeichnet das Präparat vielmehr als adjunktive Maßnahme für Stress und Angst bei Menschen mit Hypertonie – nicht als Therapie gegen Bluthochdruck.
Triglyceride fielen in der Ashwagandha‑Gruppe um etwa 13 %. Das ist ein vielversprechendes kardio‑metabolisches Signal, muss jedoch in größeren, langfristigeren Studien bestätigt werden.
Sicherheitsbefunde
Es wurden keine schweren Nebenwirkungen gemeldet. Für eine 60‑tägige Untersuchung ist das beruhigend, doch die Stichprobengröße von 60 Personen reicht nicht aus, um seltene Ereignisse zuverlässig zu erfassen.
Einschränkungen, die Sie im Kopf behalten sollten
- Kleine Stichprobe: 60 Teilnehmende begrenzen die Präzision und die Generalisierbarkeit der Ergebnisse.
- Kurze Laufzeit: 60 Tage sagen nichts über Langzeiteffekte oder die Nachhaltigkeit der Vorteile nach Absetzen aus.
- Innerhalb‑der‑Gruppe‑Prozente: Die angegebenen Reduktionen zeigen nicht, wie groß der Unterschied zum Placebo tatsächlich war.
- Sponsor‑Beziehungen: Mehrere Autor*innen stehen in Verbindung zu Dr. Willmar Schwabe India, dem Hersteller des untersuchten Extrakts, sowie zu einem Gesundheits‑Dienstleister. Das entwertet die Daten nicht per se, aber unabhängige Replikationen sind unabdingbar.
- Marken‑Extrakt: Die Ergebnisse gelten für das standardisierte Produkt Ashwagen, nicht zwingend für jedes Ashwagandha‑Pulver oder jede Kapsel.
- Blutdruck: Nur Tendenzen, kein nachgewiesener Effekt.
Praktische Take‑aways
Verwendete Dosis in der Studie: 300 mg des standardisierten Extrakts zweimal täglich (insgesamt 600 mg/Tag) über 60 Tage. Das Abstract nennt keinen konkreten Einnahmezeitpunkt relativ zu den Mahlzeiten – folgen Sie also den Angaben auf dem jeweiligen Produktetikett.
Für wen könnte es relevant sein: Erwachsene mit Stress und Angst, die gleichzeitig an Hypertonie leiden, idealerweise unter ärztlicher Aufsicht und zusätzlich zu ihrer verschriebenen Therapie. Das ist die untersuchte Zielgruppe.
Wer sollte es meiden bzw. vorher den Arzt konsultieren:
- Schwangere und stillende Frauen. Ashwagandha wird in der Schwangerschaft im Allgemeinen nicht empfohlen.
- Personen mit Schilddrüsenerkrankungen oder solche, die Schilddrüsenmedikamente einnehmen. Ashwagandha kann die Schilddrüsenhormone beeinflussen.
- Menschen mit Lebererkrankungen oder einer Vorgeschichte von Leberproblemen. Seltene Fälle von Leberschäden wurden mit Ashwagandha‑Produkten in Verbindung gebracht.
- Alle, die blutdrucksenkende Medikamente einnehmen. Mögliche Wechselwirkungen oder additive Effekte machen eine ärztliche Rücksprache nötig.
- Personen, die Sedativa oder anxiolytische Mittel nutzen, wegen potenzieller Verstärkungswirkungen.
Realistische Erwartungen: Betrachten Sie die Studie als vielversprechende, vom Hersteller gesponserte Untersuchung. Sie unterstützt Ashwagandha als mögliche Ergänzung gegen Stress und Angst bei hypertensiven Patient*innen, beweist jedoch weder eine Heilung noch einen Ersatz für medizinische Behandlung.
Fazit
Ein 29 %iger Cortisol‑Abfall und ein etwa 51 %iger Rückgang des GAD‑7‑Scores ergeben eine überzeugende Geschichte, und das doppelblinde, placebokontrollierte Design verleiht ihr Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig ist die Stichprobengröße klein, die Beobachtungsdauer kurz, die Placebo‑Zahlen fehlen im Abstract, und die Blutdruck‑Verbesserungen waren lediglich tendenziell. Ashwagandha wirkt interessant für gestresste Menschen mit hohem Blutdruck. Größere, unabhängige Studien werden zeigen, ob der Titel wirklich gerechtfertigt ist.