Die Zahlen sahen gut aus – die Gedächtnisergebnisse nicht
Stellen Sie sich ein Nahrungsergänzungsmittel vor, das exakt das hält, was das Etikett verspricht: Es verdoppelt den Spiegel eines Moleküls, von dem Ihre Zellen abhängen. Dann prüfen Sie, ob es das leistet, wofür die Menschen es eigentlich kaufen – die Antwort lautet nein.
Genau das zeigte eine neue Phase‑II‑Pilotstudie mit Nicotinamid‑Ribosid (NR) bei älteren Menschen mit amnestischer leichter kognitiver Beeinträchtigung (aMCI). Die Untersuchung wurde von Martens und Kolleg*innen geleitet und 2026 in Alzheimer's & Dementia veröffentlicht. Der Blut‑NAD+-Spiegel stieg um das Doppelte, die kognitive Leistung jedoch blieb unverändert.
Was die Forschenden machten
Das Team führte eine 12‑wöchige, doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Pilotstudie durch. Ziel war zu prüfen, ob NR – ein Vorläufer von NAD+ – die kognitive Funktion und den zerebralen Blutfluss (CBF) bei Erwachsenen mit aMCI verbessern kann. aMCI ist eine gedächtniszentrierte Form leichter kognitiver Beeinträchtigung, die das Risiko für Alzheimer erhöht.
Die dahinterstehende Logik ist weit verbreitet: NAD+ ist zentral für den zellulären Energiestoffwechsel, und ein Rückgang dieses Moleküls wird mit einem erhöhten Alzheimer‑Risiko in Verbindung gebracht. Man könnte also vermuten, dass die Wiederherstellung des NAD+-Spiegels das alternde Gehirn schützt.
Zweiundvierzig Teilnehmende schlossen die Studie ab: 22 in der NR‑Gruppe und 20 in der Placebo‑Gruppe.
Die Ergebnisse auf einen Blick
- Blut‑NAD+: In der NR‑Gruppe stieg es etwa um das Zweifache – das Supplement wirkte biochemisch wie vorgesehen.
- Kognitive Funktion (primärer Endpunkt): Keine Verbesserung.
- Gesamter zerebraler Blutfluss (sekundärer Endpunkt): Keine Verbesserung.
- Blutdruck (sekundärer Endpunkt): Keine Verbesserung.
- Sicherheit und Adhärenz: Die Einnahmetreue war vergleichbar, und es traten keine schweren Nebenwirkungen auf.
Die Autoren kommen zu dem klaren Fazit: NR erhöht effektiv NAD+ bei Menschen mit MCI, verbessert jedoch innerhalb von 12 Wochen weder die kognitive Funktion, noch den globalen CBF oder den Blutdruck.
Der Hippocampus‑Hinweis (mit Vorsicht genießen)
Ein interessanter Befund: Explorative Analysen deuteten auf eine mögliche Erhöhung des regionalen zerebralen Blutflusses im Hippocampus hin – einem Gedächtnis‑zentrischen Areal, das zu den ersten gehört, die bei Alzheimer betroffen sind.
Das ist jedoch kein Beweis für einen therapeutischen Nutzen. Explorative Analysen dienen per Definition der Hypothesengenerierung, sie waren nicht der primäre Endpunkt, und bei kleiner Stichprobe können solche Signale leicht zufällig entstehen. Die Autor*innen schreiben lediglich, dass zukünftige Studien regionale CBF‑Effekte über längere Behandlungsdauern untersuchen sollten. Das ist ein Grund weiter zu forschen – kein Grund, jetzt zu kaufen.
Warum ein höherer NAD+-Spiegel nicht automatisch das Gehirn heilt
Die Studie erinnert daran, dass das Bewegen eines Biomarkers nicht automatisch klinischen Nutzen bedeutet. Die Verdopplung des Blut‑NAD+ zeigt, dass das Präparat aufgenommen und metabolisiert wurde. Sie beweist nicht, dass diese Veränderung das Gehirn in bedeutender Weise erreicht hat, noch dass ein niedriger NAD+-Spiegel der Flaschenhals für den kognitiven Abbau der Teilnehmenden war.
Leichte kognitive Beeinträchtigung entsteht durch ein Zusammenspiel vieler Prozesse: Proteinablagerungen, vaskuläre Veränderungen, Entzündungen usw. Ein einzelner metabolischer Vorläufer reicht möglicherweise nicht aus, um diese Prozesse innerhalb von 12 Wochen zu beeinflussen.
Ehrliche Beschränkungen
Bevor die Studie überinterpretiert wird, sollten folgende Punkte beachtet werden:
- Pilotstudie: Mit 42 Abschlüssen war die Studie darauf ausgelegt, Sicherheit, Verträglichkeit und erste Wirksamkeitssignale zu prüfen, nicht, die Frage endgültig zu beantworten.
- 12 Wochen sind kurz: Der kognitive Abbau bei aMCI verläuft langsam. Längere Studien könnten Effekte zeigen, die hier nicht erkennbar waren – oder eben nicht.
- Spezifische Population: Die Ergebnisse gelten nur für ältere Menschen mit aMCI. Sie lassen keine Rückschlüsse auf gesunde Erwachsene, jüngere Personen oder andere Krankheitsbilder zu.
- Explorative Befunde sind vorläufig: Der Hinweis auf erhöhten Hippocampus‑Blutfluss muss noch bestätigt werden.
- Ein negatives Resultat beweist nicht das Nicht‑Wirken: Kleine Studien können moderate Vorteile übersehen, doch das völlige Fehlen eines Signals beim primären Endpunkt sollte ernst genommen werden.
Praktische Take‑aways für potenzielle Käufer*innen
Was NAD+-Booster können: In dieser Studie erhöhte NR zuverlässig das Blut‑NAD+ und wurde gut vertragen, ohne schwere Nebenwirkungen.
Was die Studie nicht zeigt: Es gibt keine Evidenz dafür, dass NR das Gedächtnis, das Denken, den gesamten Hirn‑Blutfluss oder den Blutdruck bei Menschen mit aMCI über 12 Wochen verbessert.
Dosis und Timing: Das Abstract nennt keine exakte Dosis, und die Studie war nicht darauf ausgelegt, das optimale Timing zu bestimmen. Für Details muss das vollständige Paper konsultiert werden. Kommerzielle NR‑Produkte variieren stark in der Dosierung, und hier wird keine bestimmte Dosis oder Einnahmezeit für kognitive Vorteile unterstützt.
Für wen (nicht) geeignet: Haben Sie oder ein Angehöriger Gedächtnisprobleme, liefert diese Studie keinen Grund, NR als Ersatz für ärztliche Untersuchungen, bewährte Lebensstil‑Maßnahmen oder zugelassene Therapien zu verwenden. Personen mit MCI oder solche, die andere Medikamente einnehmen, sollten vor Beginn von Supplementen mit einer Ärztin bzw. einem Arzt sprechen.
Marketing‑Alarm: Seien Sie skeptisch gegenüber Produkten, die „erhöhtes NAD+“ als Beweis für einen Nutzen für das Gehirn anführen. Diese Studie zeigt, dass die beiden Aussagen voneinander getrennt sind.
Das Fazit
NR bestand den biochemischen Test, scheiterte jedoch am Gedächtnistest – zumindest über 12 Wochen in einer kleinen Gruppe mit aMCI. Der Hinweis auf einen erhöhten Hippocampus‑Blutfluss hält die Tür für länger‑ und größer angelegte Studien offen. Für den Moment lautet die ehrliche Botschaft: NAD+-Booster können den NAD+-Spiegel steigern, doch ob das zu einem besseren Gehirn führt, bleibt unbewiesen.
Quelle: Martens et al. A phase‑II randomized controlled pilot study of nicotinamide riboside supplementation in older adults with amnestic mild cognitive impairment. Alzheimer's Dement. 2026. DOI: 10.1002/alz.71605 | PubMed 42478598