Was wäre, wenn zwei frei verkäufliche Nahrungsergänzungen Ihr Risiko, an Herz‑Krankheiten zu sterben, um mehr als die Hälfte senken könnten? In einer bekannten schwedischen Studie ist das nahezu passiert. Der Haken – ein Detail, das die meisten Überschriften auslassen – könnte entscheiden, ob das Ergebnis überhaupt für Sie relevant ist.
Die Studie: KiSel‑10 im Überblick
Die Untersuchung trägt den Namen KiSel‑10. Sie wurde im International Journal of Cardiology von Urban Alehagen und Kolleg*innen der Linköping University veröffentlicht. Es handelte sich um eine prospektive, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie – das Goldstandard‑Design für Interventionsstudien.
- Wer: 443 in der Gemeinde lebende Schweden im Alter von 70 bis 88 Jahren
- Was: Entweder ein Kombinationspräparat oder ein Placebo, täglich eingenommen
- Das Präparat: 200 mg Coenzym Q10 (CoQ10) plus 200 µg Selen in Form von selenisierter Hefe
- Wie lange: Der Abstract spricht von einer 5‑jährigen Studie mit einer Nachbeobachtungszeit von 5,2 Jahren; spätere Publikationen der Gruppe nennen einen aktiven Interventionszeitraum von 4 Jahren
Die Teilnehmenden wurden alle sechs Monate untersucht. Das Team führte klinische Untersuchungen, Echokardiographien und Blut‑Biomarker‑Tests durch und protokollierte Todesfälle.
Begründung: Sowohl Selen als auch CoQ10 sind für die Zellfunktion unverzichtbar, und niedrige Werte wurden bei Kardiomyopathie‑Patientinnen beobachtet. Frühere Studien, die die beiden Substanzen einzeln testeten, lieferten gemischte Ergebnisse. Die Autorinnen argumentierten, dass die beiden Stoffe synergistisch wirken und die kombinierte Supplementierung bislang nicht adäquat untersucht wurde.
Die Ergebnisse: Drei Signale in dieselbe Richtung
1. Kardiovaskuläre Sterblichkeit – Nach 5,2 Jahren lag die kardiovaskuläre Sterblichkeit bei 5,9 % in der Ergänzungsgruppe gegenüber 12,6 % in der Placebo‑Gruppe (p = 0,015). Das entspricht einer relativen Reduktion von etwas mehr als der Hälfte, absolut etwa 6,7 Prozentpunkten.
2. NT‑proBNP – Dieser Blutmarker steigt bei Herzbelastung an; ein niedrigerer Wert ist im Allgemeinen besser. Nach 48 Monaten lagen die durchschnittlichen Werte bei 214 ng/L in der aktiven Gruppe gegenüber 302 ng/L im Placebo (p = 0,014).
3. Echokardiographie – Ultraschalluntersuchungen des Herzens zeigten einen signifikant besseren Funktionsscore in der Ergänzungsgruppe (p = 0,03).
Die drei Messgrößen – Todesfälle, Blutmarker und Bildgebung – bewegten sich alle in dieselbe Richtung. Diese Konsistenz macht es schwer, das Ergebnis als bloßen statistischen Zufall abzutun. Die Forschenden nutzten sowohl Intent‑to‑Treat‑ als auch Per‑Protocol‑Analysen und passten für mögliche Störfaktoren an.
Der Haken: Schweden ist selenarm
Schweden – wie ein großer Teil Europas – hat selenarme Böden, sodass die tägliche Aufnahme aus der Nahrung eher gering ist. Der Ausgangswert für Selen in dieser Kohorte lag bei etwa 67 µg/L, also am unteren Ende.
Das ist wichtig, weil die Studie vielleicht nicht „CoQ10 + Selen“ im allgemeinen Sinn getestet hat, sondern das Korrigieren eines marginalen Selen‑Defizits kombiniert mit zusätzlichem CoQ10. Wenn Sie bereits ausreichend Selen aufnehmen – etwa durch eine US‑typische Ernährung oder durch Paranüsse – könnte derselbe Nutzen ausbleiben. Die Studie kann das nicht beantworten.
Für wen könnte das relevant sein?
Vorsichtig formuliert, gelten die Ergebnisse vor allem für:
- ältere Menschen (die Studie umfasste 70‑ bis 88‑Jährige)
- Personen, die in Regionen mit wenig Selen leben oder sich selenarme Kost zuwenden
- Menschen, deren Selenstatus tatsächlich niedrig ist – das lässt sich per Bluttest nachweisen
Die Studie war nicht darauf ausgelegt, Vorteile bei jüngeren oder selenreichen Personen zu zeigen. Spätere Nachuntersuchungen derselben Gruppe berichteten über anhaltend niedrigere kardiovaskuläre Mortalität nach 10‑12 Jahren, basieren jedoch weiterhin auf derselben Kohorte und sind keine unabhängige Bestätigung.
Das Kleingedruckte
Das Ergebnis ist vielversprechend, aber keine abgeschlossene Wissenschaft.
- Kleine Stichprobe: 443 Personen gelten als moderat, und die Zahl der Todesfälle war relativ gering. Bei wenigen Ereignissen können Ergebnisse stark schwanken und lassen sich nicht immer reproduzieren.
- Hersteller‑versorgtes Produkt: Die Supplements (SelenoPrecise und Bio‑Quinone) wurden von Pharma Nord gestellt. Industrie‑Supply ist in der Nahrungsergänzungsforschung üblich und verwirft die Resultate nicht, doch unabhängige Replikation würde das Vertrauen stärken.
- Keine Trennung der Nährstoffe: Beide Substanzen wurden zusammen versus Placebo verabreicht. Die Studie kann nicht sagen, ob Selen, CoQ10 oder die Kombination verantwortlich war.
- Einzige Population: Alle Teilnehmenden waren ältere Schweden. Die Ergebnisse lassen sich nicht automatisch auf andere Gruppen übertragen.
- Selen hat eine Obergrenze: Mehr ist nicht immer besser. In der großen SELECT‑Studie wurde ein Zusammenhang zwischen Selen‑Supplementierung und Typ‑2‑Diabetes beobachtet. Die häufig zitierte tolerierbare Obergrenze liegt bei 400 µg/Tag.
Praktische Empfehlungen
- Kennen Sie die Dosierungen. Die Studie führte täglich 200 mg CoQ10 und 200 µg Selen (als selenisierte Hefe) ein. Das sind Studiendosen, keine allgemeine Empfehlung.
- Prüfen Sie Ihren Selenstatus zuerst. Wenn Sie bereits reichlich Selen erhalten, bringt zusätzliches Selen wahrscheinlich keinen Nutzen und kann Risiken bergen.
- Überschreiten Sie nicht 400 µg/Tag Selen aus allen Quellen zusammen – inklusive Multivitamine, angereicherte Lebensmittel und Paranüsse, die extrem hohe Selenwerte haben können.
- Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, bevor Sie starten, besonders wenn Sie Gerinnungshemmer wie Warfarin einnehmen, da CoQ10 die Wirkung von Antikoagulanzien beeinflussen kann. Gleiches gilt bei bestehender Herzerkrankung oder Einnahme anderer kardialer Medikamente.
- Ersetzen Sie Supplements nicht durch bewährte Therapien. Blutdruckkontrolle, Lipidmanagement und Bewegung bleiben das Fundament der kardiovaskulären Prävention.
Fazit
KiSel‑10 ist eine der eindrucksvollsten Supplement‑Studien in der Kardiologie. Kardiovaskuläre Todesfälle fielen von 12,6 % auf 5,9 %, NT‑proBNP sank und die Herzfunktion verbesserte sich – alles in einer randomisierten, doppelblinden Umgebung. Doch es war eine einzelne, relativ kleine Studie in einer selenarmen Population und sie kann nicht klären, welches Supplement den Effekt bewirkt hat. Betrachten Sie die Ergebnisse als vielversprechenden Hinweis, nicht als endgültiges Urteil: Sprechen Sie mit Ihrem Arzt und warten Sie auf größere, unabhängige Studien.