Ein populäres Longevity‑Supplement könnte eine neue Anwendung finden – das Haar. In der scheinbar ersten Humanstudie zu NMN (Nicotinamid‑Mononukleotid) für das Haar stieg die Dichte der Wachstumsphase innerhalb von 12 Wochen von etwa 56 auf etwa 88 Haare pro Quadratzentimeter – ein Anstieg von rund 57 %.
Was die Studie tatsächlich gemacht hat
Das Paper, veröffentlicht in Cosmetics 2025 (12(5):204), stammt von Fukumoto und Kolleginnen. Die Autorinnen stehen in Verbindung zu Mitsubishi Corporation Life Sciences, die einen NMN‑Zutatenlieferanten betreiben.
Der Aufbau war simpel:
- Typ: einarmiger Pre‑Post‑Pilot (alle erhielten NMN; es gab keine Kontrollgruppe)
- Teilnehmer*innen: 15 gesunde japanische Frauen, 40‑50 Jahre alt
- Dauer: 12 Wochen
- Intervention: oral verabreichtes NMN aus Torula‑Hefe‑Fermentation, laut Angabe 500 mg pro Tag
- Messungen: TrichoScan‑Analyse des Haarwachstumszyklus, Rasterelektronenmikroskopie (SEM) des Haarschafts und der Cuticula, Haar‑Metaboliten und Hormone sowie visuelle Analogskalen‑Fragebögen (VAS)
Die Angabe von 500 mg stammt aus einem Interview der Firma für die Fachpresse. Dasselbe Unternehmen empfiehlt für das Verbraucherprodukt 250 mg pro Tag, sodass die Studien‑Dosierung nicht identisch mit der handelsüblichen Dosis ist.
Die wichtigsten Zahlen
| Messgröße | Vorher | Nachher | Signifikanz |
|---|---|---|---|
| Anagen‑(Wachstums‑)Haardichte | 55,9 Haare/cm² | 87,7 Haare/cm² | p = 0,03 |
| Haardurchmesser | 75,3 µm | 78,8 µm | p < 0,01 |
Der Anstieg der Dichte klingt beeindruckend. Der Zuwachs beim Durchmesser beträgt nur etwa 3,5 µm bzw. rund 5 % – statistisch zwar stärker signifikant, aber inhaltlich weniger spektakulär. In einer gut kontrollierten Studie würde beides, mehr Haare in der Anagen‑Phase und dickeres Haar, in dieselbe Richtung weisen.
Die Forschenden berichteten außerdem über:
- Verbesserten Cuticula‑Zustand in den SEM‑Bildern
- Metabolische Verschiebungen bei Aminosäuren und dem Energiestoffwechsel im Haar
- Keine auffälligen Änderungen der Haar‑Hormonspiegel
- Subjektive Verbesserungen von Elastizität, Glanz und Volumen sowie weniger wahrgenommene Müdigkeit und Haarverlust
Warum NMN und warum gerade Haare?
NMN ist ein Vorläufer von NAD⁺, einem Molekül, das im zellulären Energiestoffwechsel eine zentrale Rolle spielt. Die NAD⁺‑Spiegel sinken mit dem Alter, weshalb NMN in der Longevity‑Supplement‑Szene sehr populär ist. Haarfollikel sind metabolisch aktiv und durchlaufen Phasen von Wachstum, Rückbildung und Ruhe. Die Idee dahinter: Eine Unterstützung des Energiemetabolismus der Follikel könnte die Wachstumsphase verlängern.
Die gemeldeten metabolischen Veränderungen passen zu dieser Annahme, beweisen sie jedoch nicht. Das Paper liefert Assoziationen in einer kleinen Gruppe, keinen nachgewiesenen Wirkmechanismus. Das Fehlen von Hormonveränderungen legt nahe, dass ein möglicher Effekt – falls er real ist – nicht über die hormonellen Wege wirkt, die klassische Haar‑verlust‑Medikamente anvisieren.
Der große Haken: keine Placebogruppe
Das ist der Teil, den man ernst nehmen sollte, bevor man Geld ausgibt.
- Keine Kontrollgruppe. Ohne Placebo‑Arm lässt sich NMN nicht von saisonalen Schwankungen beim Haarausfall, Regression zur Mitte, Messungenauigkeiten oder Erwartungseffekten trennen.
- Kleine Stichprobe. Fünfzehn Personen sind ein Pilot, kein belastbares Urteil.
- Industrieverbindung. Die Autor*innen sind an einen NMN‑Lieferanten gebunden. Das macht die Daten nicht automatisch ungültig, sondern ein Argument, auf unabhängige Replikation zu warten.
- Eingeschränkte Zielgruppe. Gesunde Frauen 40‑50 Jahre. Männer, jüngere oder ältere Frauen sowie Personen mit diagnostiziertem Haarausfall wurden nicht untersucht.
- Kein Glatzen‑Trial. Die Studie behandelte nicht männliche Glatzenbildung, und nichts lässt Rückschlüsse auf eine Umkehr dieser Form zu.
- Subjektive Endpunkte. Die VAS‑Verbesserungen bei Glanz, Volumen und Müdigkeit sind Selbstberichte und leicht durch Placebo‑Effekte verfälschbar, da die Teilnehmenden wussten, dass sie das Supplement einnahmen.
- Kurze Laufzeit. Zwölf Wochen geben wenig Aufschluss darüber, ob die Effekte dauerhaft sind oder nach Absetzen verschwinden.
Haardicke und -dichte können sich aus Gründen ändern, die nichts mit einer Behandlung zu tun haben. Ein 57 %iger Anstieg in einer einarmigen Studie ist also eher ein Hinweis, der weiter geprüft werden muss, kein gesichertes Behandlungsergebnis.
Praktische Erkenntnisse
Dosierung: Die Studie nutzte 500 mg pro Tag fermentiertes NMN aus Torula‑Hefe. Das verkaufte Verbraucherprodukt empfiehlt 250 mg pro Tag. Es gibt noch keine haarspezifisch optimierte Dosis; die Studien‑Dosierung ist bislang der einzige menschliche Referenzpunkt.
Zeitlicher Rahmen: Die Untersuchung dauerte 12 Wochen, sodass jede realistische Bewertung mindestens so lang sein sollte – Haar wächst eben langsam. Der kurze Bericht gibt keinen Hinweis auf die optimale Tageszeit für die Einnahme.
Für wen es interessant sein könnte: Gesunde Frauen in den Vierzigern, die neugierig auf die Haarqualität sind und bereits NMN als allgemeines Supplement nutzen. Man sollte es als Experiment, nicht als bewährte Therapie sehen.
Wer lieber darauf verzichten oder erst einen Arzt konsultieren sollte:
- Personen, die nach einer nachweislich wirksamen Lösung für erblich bedingten Haarausfall suchen – die Studie adressiert das nicht.
- Menschen mit plötzlich auftretendem oder fleckigem Haarausfall, die eine medizinische Abklärung benötigen (Schilddrüse, Eisen‑Mangel etc.).
- Schwangere, Stillende und Patient*innen, die Medikamente einnehmen oder chronische Erkrankungen haben – hier fehlt jede Sicherheitsbewertung.
- Wer dramatische Resultate nach einer einzigen, unkontrollierten Pilotstudie erwartet.
Fazit
Die allererste Humanstudie zu NMN und Haar liefert auffällige Zahlen: dichtere Wachstumsphase, leicht dickere Strähnen, gesünder wirkende Cuticula und zufriedene Teilnehmende. Gleichzeitig handelt es sich um einen 15‑Personen‑Pilot, einarmig, industrienahe und ohne Placebo. Die nüchterne Interpretation lautet: NMN für die Haare ist eine interessante Hypothese mit einem ersten Datenpunkt. Für fundierte Aussagen sind randomisierte, placebokontrollierte Studien mit größeren, diverseren Kohorten nötig.